
Wie man sich auf einer Party, beim ersten Date oder sogar beim Aufhalten der Aufzugstür „nonchalant“ gibt, ist seit geraumer Zeit ein prominentes Thema. Das „nonchalant sein“, gehört zu den zahlreichen Verhaltenscodes, die uns unsere Instagram-For-You-Page unterschwellig vorgibt. Und ich kriege dabei die Krise.
Denn was dort als beneidenswertes Auftreten dargestellt wird, ist vor allem eines: emotionale Distanz.
Der Begriff „nonchalant“ stammt aus dem Französischen und beschreibt eine unbekümmerte Haltung, die nach außen cool, entspannt und manchmal sogar gelangweilt wirkt. Es stellt die Kunst dar, das Leben scheinbar mühelos, auf Anhieb erfolgreich und unbekümmert zu meistern.
Wenn Jacob Elordi an einem Samstagmorgen in Paris fotografiert wird, geht es längst nicht mehr nur um Mode.
Der scheinbar mühelose Look, die Bottega-Veneta-Tasche, die Sonnenbrille, der abgewandte Blick: all das fügt sich zu einem Bild kontrollierter Distanz. Diese Ästhetik funktioniert so gut, weil sie ein Ideal bedient: unbeeindruckt zu wirken, nichts zu brauchen, nicht erreichbar zu sein. Die Uniform eines Zustands, den wir zunehmend mit Begehrlichkeit verwechseln.
Aber ist es denn ein Verbrechen, den Style und das Geld zu haben?
Nein, auf keinen Fall, ich würde gerade alles dafür tun, um mit Jacob Elordi zu tauschen. Und dennoch stört mich etwas, wenn ich diese Aufnahmen von ihm sehe. Es ist dieses Bild des unbeeindruckt wirken zu wollen, der durch sein Auftreten und vor allem durch die popkulturelle Einordnung dessen romantisiert wird.
Dieses Phänomen scheint mir allerdings nicht völlig neu zu sein. Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke, war es auch eines der unausgesprochenen Ziele, cool wirken zu wollen. In der 6. Klasse trug ich noch bunte Kleidung, habe mich noch intensiv mit der Serie „Violetta“ beschäftigt, habe Liebesbriefe geschrieben und trug mein Herz auf der Zunge. Ab der 7. Klasse erntete ich jedoch mit dieser Herangehensweise wenig Erfolg. Plötzlich war das oberste Ziel cool zu sein. Und wie wurde man cool? Markenklamotten, viele Freunde und eine „I don´t give a fuck“- Haltung zu allem und jedem. Liebesbriefe zu schreiben oder Menschen einfach zu fragen, ob sie mit einem befreundet sein wollen, war ganz klar nicht mehr cool. Es war auch nicht cool ein zu gutes Verhältnis zu Lehrern zu haben und von der eigenen Mutter zumindest ein bisschen genervt zu sein gehörte ebenfalls zum Gesamtbild dazu. Das heißt, die Romantisierung des emotional Unerreichbaren ist nichts, was mit dem Interneterfolg des Begriffs „nonchalant“ aufkam.
Aber warum wollen wir alle so unbeeindruckt und unerreichbar wirken?
Hierzu gibt es Tausend Theorien und Einflüsse. Angefangen von der Fashion-Industrie, dessen Models immer einen nichts aussagenden Ausdruck auf der Miene haben müssen, bis hin zu Film und Fernseher, wo James Bond sich selbst von der größten Explosion unbeeindruckt zeigt. Ich glaube allerdings, dass das alles Symptome eines tiefergehenden Phänomens sind.
Die Frage ist also nicht, warum „nonchalant sein“ gerade im Trend liegt. Die eigentliche Frage lautet vielmehr: „Warum erscheint uns emotionale Unerreichbarkeit erstrebenswert?“
Ich glaube, weil sie uns schützt. Sie schützt und vor Verletzung und Zurückweisung.
Bunte, ungewöhnliche Kleidung zu tragen, seine Emotionen laut zu kommunizieren, Gefühle zuzulassen und nach außen hin sichtbar zu fühlen, lädt auch immer zu Reaktionen aus der Außenwelt ein.
Man bietet somit der Außenwelt eine gewisse Angriffsfläche.
Wer nichts zeigt, kann weniger verlieren.
Abweisung oder Kritik kann einem nichts anhaben, denn das alles hier war einem von vornerein egal.
Es ist ein Schutzmechanismus, den man früh aufbaut, um die soziale Anerkennung zu erhalten, nach der wir uns alle so sehr sehnen. Nonchalance wirkt dadurch wie eine präventive Abwehrreaktion.
Dabei schaffen wir uns selbst ein Gefängnis. Jeder lebt in seinem eigenen Kopf, legt sich diese Maßstäbe selbst auf und dichtet dann wiederum seinem Gegenüber zu, er hätte ihn hinter diese Gitter gebracht. Wir gehen davon aus, dass die Außenwelt uns verurteilt, setzen aber die Maßstäbe des Urteils selbst fest. Und so schafft man peu a peu ein Klima, in dem jeder sich selbst immer mehr kontrolliert und klein macht, ohne zu merken, dass ihm dabei eigentlich niemand wirklich zuschaut.
Vielleicht ist das eigentlich Radikale heute nicht, nonchalant zu sein.
Sondern es nicht mehr zu müssen. Gefühle zu zeigen, sich zu freuen, sich Mühe zu geben, sichtbar berührbar zu sein. All das gilt schnell als unzeitgemäß. Dabei ist es vielleicht die ehrlichste Form von Stil.
Nonchalance schützt. Aber sie begrenzt auch.
Und vielleicht sollten wir uns erlauben, wieder ein bisschen weniger kontrolliert und dafür ein bisschen lebendiger zu sein. Nicht, weil es uncool ist, sondern weil das Leben zu kurz ist, um es auf Distanz zu halten.
– petra deak

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